Berufsbild Übersetzer*in

Wege zum ersten Übersetzungsauftrag
Literarische Übersetzer*innen sind oft Quereinsteiger*innen, eine spezifische Ausbildung ist also nicht zwingend, allerdings durchaus hilfreich. In der Schweiz gibt es hauptsächlich zwei akademische Ausbildungsmöglichkeiten: Das Centre de traduction littéraire der Universität Lausanne bietet einen Master mit Spezialisierung in literarischer Übersetzung an (auch mit Zielsprache Deutsch), die Hochschule der Künste in Bern einen Master in Contemporary Arts Practice mit Schwerpunkt Literarischem Schreiben/Übersetzen.

Verlage scheuen verständlicherweise davor zurück, unerfahrenen Übersetzer*innen ein erstes Buch anzuvertrauen. Eine gute Möglichkeit, diese Hürde zu überwinden, ist ein Mentorat der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia: Die Stiftung übernimmt die vollen Kosten für die Übersetzung und ein Mentorat, sodass das Manuskript schon durchgesehen und vorlektoriert im Verlag eintrifft – unter diesen Bedingungen lässt sich ein Verlag wahrscheinlich gern auf die Zusammenarbeit mit einer Nachwuchsübersetzerin, einem Nachwuchsübersetzer ein.

Ab dem zweiten Buch vergibt Pro Helvetia auch Projektbeiträge für die Übersetzung von Schweizer Gegenwartsliteratur (Antrag durch den Verlag) und von ausländischen Werken (Antrag durch den/die Schweizer Übersetzer*in).

Nützliche Hinweise zur Kulturförderung und zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten für Übersetzungen finden sich auf unserer Website unter dem Stichwort Keine Schweiz ohne Übersetzung, aktuelle Ausschreibungen auf der Startseite.

Eine Sammlung englischsprachiger Informationen zu verschiedenen Aspekten des Einstiegs in die Literaturübersetzung bietet der CEATL Guide for Emerging Literary Translators.

Viele Publikumsverlage veröffentlichen schwerpunktmässig Gegenwartsliteratur. Für Übersetzer*innen aus den Schweizer Landessprachen ist die ch Reihe der ch Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit eine gute Adresse: Eine Herausgeberkommission stellt alljährlich eine Liste von Schweizer Neuerscheinungen zusammen, die zur Übersetzung in die jeweils anderen Sprachen empfohlen werden. Für diese Titel gewährt die Stiftung den Verlagen Druckkostenzuschüsse, Pro Helvetia übernimmt in der Regel die Übersetzungskosten.

Inspiration, welche Schweizer Werke interessant für eine Übersetzung sein könnten, bieten auch www.viceversaliteratur.ch und www.translateswissbooks.ch. Ein Verzeichnis der Deutschschweizer Verlage ist im Who is Who des SBVV zu finden, einen guten Einblick in die Deutschschweizer Verlagsszene bietet auch die Website der Plattform für unabhängige Verlage SWIPS. LivreSuisse listet Westschweizer Verlage auf, ALESI Tessiner Verlage.

Die Schweizer Lebenshaltungskosten sind hoch, und es wäre kaum möglich, seinen Lebensunterhalt auf der Basis deutscher, französischer oder italienischer Honorare zu bestreiten, während Schweizer Verlage umgekehrt natürlich jederzeit auf Übersetzer*innen aus dem Ausland zurückgreifen können – die Ausgangslage ist für Schweizer*innen also nicht optimal. Zum Glück gibt es aber einen spürbaren politischen Willen zur Förderung einer Schweizer Übersetzer*innenszene, und letztlich sind viele Schweizer Verlage bereit, Übersetzer*innen mit dem Tarif ein wenig entgegenzukommen, falls sich für einen Titel keine Fördergelder finden lassen.

2003 handelte der A*dS mit dem SBVV einen Mustervertrag aus, viele Verlage verwenden dennoch weiterhin eigene Verträge. Vor Vertragsverhandlungen empfiehlt sich die Lektüre der Honorarempfehlungen des A*dS und der Vertragsverhandlungen Übersetzungen. In den meisten Fällen schickt der Verlag den Vertragsentwurf in einer E-Mail im Word- oder PDF-Format, sodass Änderungen unkompliziert vorgeschlagen und besprochen werden können.

In der Schweiz wird gewöhnlich mit einer «arithmetischen» Normseite von 1500, 1800 oder 2000 Zeichen inklusive Leerschlägen abgerechnet. Nach Abgabe der Übersetzung wird die Gesamtzeichenzahl also durch 1500, 1800 bzw. 2000 dividiert und mit dem vereinbarten Seitenhonorar multipliziert. In der Deutschschweiz vermerken manche Verlage im Vertrag auch ein höheres Honorar pro 1800 Zeichen für den Fall einer Förderung mit Drittmitteln und ein niedrigeres auf der Basis der in Deutschland üblichen Normseite, falls das Projekt ungefördert bleibt. Das Gefühl beim Unterschreiben eines solchen Doppeltarifvertrags ist nicht berauschend, aber meist kann man das niedrigere Honorar immerhin auf eine vertretbare Höhe hochhandeln.

Nach der Publikation eines ersten Buchs können Einsteiger*innen A*dS-Mitglied werden. Zuvor ist es allenfalls auch schon möglich, assoziertes Mitglied des Verbands zu werden, Details dazu finden sich in der Rubrik Mitglied werden. Der Verband engagiert sich für die Verbesserung der rechtlichen und finanziellen Situation sowie der sozialen Sicherheit seiner Mitglieder. Auch Nichtmitglieder mit Schweizbezug können sich im viel genutzten Verzeichnis des A*dS-Lexikon eintragen.

Übersetzer*innen sind Urheber*innen und haben somit Anspruch auf eine Entschädigung für die Nutzung ihrer (veröffentlichten) Werke. Die Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris ist für das Einziehen und Verteilen von kollektiven Urheberrechtsentschädigungen im Bereich Text und Bild zuständig. Die Mitgliedschaft bei ProLitteris ist kostenlos und sehr empfohlen, da es keine andere Möglichkeit gibt, seinen Anspruch auf Urheberrechtsentschädigungen geltend zu machen.

Zu den wichtigsten Terminen im Übersetzerjahr gehören die Solothurner Literaturtage, die jeweils am Auffahrtswochenende stattfinden und ein grosses Branchentreffen der Schweizer Autor*innen- und Verlagsszene sind. Im Tessin widmet sich das Festival Babel schwerpunktmässig dem Thema Literatur und Übersetzung, in der Romandie lohnt es sich, bei den Festivals Le livre sur le quai in Morges oder Textures in Fribourg vorbeizuschauen. Der A*dS veranstaltet jedes Jahr im Herbst das Symposium für Übersetzer*innen, eine in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia, dem Centre de traduction littéraire CTL und dem Übersetzerhaus Looren organisierte Fachtagung zum Literaturübersetzen. Die ch Stiftung stellt alle zwei Jahre das Festival für Übersetzung und Literatur aller-retour auf die Beine, im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel finden jährlich die Bieler Gespräche statt, in deren Rahmen auch besondere Formate wie experimentelles Übersetzen und Übersetzen im Kollektiv angeboten werden.

Eine wichtige Institution in der Schweizer Übersetzerlandschaft ist das Übersetzerhaus Looren: Es organisiert, allein oder in Zusammenarbeit mit Partnern, zahlreiche Workshops und Veranstaltungen, darunter Angebote, die sich spezifisch an Nachwuchsübersetzer*innen richten, vor allem aber bietet das Haus bis zu elf literarischen Übersetzer*innen gleichzeitig die Möglichkeit, unter idealen Bedingungen zu arbeiten und sich mit Kolleg*innen aus der ganzen Welt auszutauschen.

Auch das CTL in Lausanne, dessen Website viele Informationen bereithält, organisiert Veranstaltungen und einmal jährlich eine Übersetzungswerkstatt im Château de Lavigny, die sich an Übersetzer*innen aus allen Sprachen mit Zielsprache Deutsch oder Französisch richtet.

Gelegenheit, sich auszutauschen, zu vernetzen und konkrete Übersetzungsfragen zu besprechen, bieten ausserdem die Stammtische für literarische Übersetzer*innen in Bern, Lausanne und Zürich (in Zürich gibt es zudem auch einen speziellen Stammtisch für Übersetzer*innen ins Spanische).

Die Infos basieren auf dem Beitrag «Literatur übersetzen in der Schweiz» von Barbara Sauser, in: Katrin Harlaß (Hrsg.), Handbuch Literarisches Übersetzen 2.0, BDÜ Fachverlag, Berlin 2022.