Der Chrysalide – Binding Förderpreis für Literatur 2026 geht an Nataša Ivančičević

Der zweite Chrysalide – Binding Förderpreis für Literatur (vormals Studer/Ganz-Preis) geht an die Schriftstellerin Nataša Ivančičević (Jahrgang 1989) für ihr Manuskript «Die zweite Zunge». Die Preisverleihung findet am 14. Januar 2027 im Literaturhaus Basel statt – die Autorin wird aus ih-rem Roman lesen. Das Buch erscheint voraussichtlich 2027 im Lenos Verlag.

Die Jury für den zweiten Binding Preis Chrysalide 2026 entschied sich an einer zweitägigen Jurysitzung einstimmig, aus den 78 eingegangen Manuskripten den Text «Die zweite Zunge» (Arbeitstitel) von Nataša Ivančičević mit dem Binding Preis Chrysalide 2026 auszuzeichnen.

In «Die zweite Zunge» erzählt Nataša Ivančičević von einer serbischstämmigen Übersetzerin, die seit zwanzig Jahren in der Schweiz lebt. Als ein wildfremder Mann ihren Namen korrekt betont in der Sprache ihrer Kindheit ausspricht, realisiert sie, dass sie in der Schweiz fern ihrer Muttersprache nach und nach einen Teil von sich selbst «geglättet» hat – und dass sie mit Übersetzen nicht nur ihren Lebensunterhalt verdient, sondern aufgrund ihrer Herkunft konstant gezwungen ist, sich selbst als Menschen für die Welt um sie herum zu übersetzen. Zwischen ihr und dem Fremden entspinnt sich eine Affäre, in der die Protagonistin allerdings weniger die körperliche Nähe sucht als vielmehr einen Zugang oder eine Rückkehr zu ihrer Sprache und Heimat.

Die Jury zeigt sich beeindruckt von Nataša Ivančičevićs Text, der vor dem Hintergrund eines migrantischen Lebens in der Schweiz leicht übersehbare Facetten des Konzepts «Muttersprache» thematisiert und tiefgreifende Fragen aufwirft: Inwiefern kann uns eine Sprache gehören? Ist es plausibel, zwischen mehreren Sprachen so etwas wie eine Heimat zu finden? Überzeugend für die Jury war die Idee des Übersetzens als Lebensmetapher und insbesondere Nataša Ivančičevićs treffende Bildsprache und die sorgfältige Komposition des Texts: Ein Roman, der notwendige inhaltliche Ambivalenzen nicht scheut, der die Verschränkung von Sprache und Leben auch jenseits des Migrationskontexts beleuchtet.

Nataša Ivančičević wurde 1989 in Serbien geboren, wuchs in Basel auf und lebt heute mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Birsfelden. Sie arbeitet als Texterin und schreibt auf Deutsch, das Serbische ist darin als zweite Stimme präsent. Ihre Kurzgeschichten standen auf Short- und Longlists von Literaturwettbewerben und erschienen in Anthologien und Zeitschriften. Im November 2026 nimmt sie an der Literaturwerkstatt von ALIT im Literaturhaus Zürich teil. 

Die öffentliche Preisverleihung findet am Donnerstag, 14. Januar 2027, um 19.00 Uhr im Literaturhaus Basel (Barfüssergasse 3, 4051 Basel) statt. Die Laudatio hält Dominic Oppliger. Nataša Ivančičević liest aus ihrem Manuskript. Das Buch erscheint voraussichtlich 2027 im Lenos Verlag.

Unter dem Namen Chrysalide richtet die Sophie und Karl Binding Stiftung ab 2024 Preise zur Nachwuchsförderung im Bereich Literatur je in den Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch aus. Sie übernimmt damit in der Nachfolge der Studer/Ganz-Stiftung die Trägerschaft der Studer/Ganz-Preise in der bisherigen Ausrichtung unter neuem Namen. Für den deutschsprachigen Binding Preis Chrysalide konnten sich Autorinnen und Autoren jeden Alters bewerben, die entweder das Schweizer Bürgerrecht oder ihren ständigen Wohnsitz in der Schweiz haben.

 

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